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Johannes BrahmsSWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Sergiu Celibidache

Nach einigen Gastspielen Ende der fünfziger und Mitte der sechziger Jahre dirigierte Sergiu Celibidache von 1971 bis 1982 regelmäßig das Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester, bis er sich fast ausschließlich auf seine Tätigkeit als Münchner Generalmusikdirektor konzentrierte. 1972-77 war er, ohne schriftliche Verpflichtung seinerseits, künstlerischer Leiter des Stuttgarter Orchesters, das somit in seinem Wirken einen ähnlichen Stellenwert erhielt wie zuvor das Sinfonieorchester des Schwedischen Rundfunks. Die DG beginnt nun mit den vier Brahms-Sinfonien die kommerzielle Auswertung der schwäbischen Konzertmitschnitte und kommt damit der EMI zuvor, die Ende Mai dieselben Werke mit den Münchner Philharmonikern vorlegen möchte. Die Koinzidenz ist kein Unglück, denn das Münchner Phänomen wird einzigartig bleiben. Die extrem breiten Tempi des späten Celibidache nämlich wird man in den siebziger Jahren noch vergeblich suchen. Die Stuttgarter Tempi stimmen weitgehend mit denjenigen der italienischen Rai-Dokumente vom März 1959 überein, die illegal vielerorts erhältlich sind, oder auch – in der Vierten Sinfonie – mit jenen der Berliner Philharmoniker vom 21. November 1945. Im übrigen aber überragen sie hinsichtlich der orchestralen und aufnahmetechnischen Qualität (gegenüber Berlin auch der dirigentischen Meisterung) ihre Vorläufer bei weitem. Celibidaches Brahms knüpft fraglos bei Furtwängler an. Doch hat Celibidache viel weniger der Gunst des Moments überlassen und in fanatischer Weise die strukturelle Dimension herausgearbeitet. Es gibt in allen vier Werken keinen Moment, wo das im Augenblick Entstehende nicht aus der organischen Gesamtgestalt, aus der lebendigen Architektur heraus begründet wäre. Auch der Brahmssche Tonfall und Charakter ist in identifikatorischer Weise verwirklicht, ohne je zum Sentimentalischen oder aufgesetzt Stilisierten zu tendieren. Welch mitreißendes Feuer und zugleich welche natürliche Anmut prägen den Kopfsatz der Dritten Symphonie, der plötzlich so gar nicht mehr sperrig erscheint! Und im Andante kann man in unerhörter Weise mitvollziehen, wie alles aus der bezwingend geoffenbarten Struktur definiert und zugleich von pulsierendem Leben durchdrungen ist. Was für Übergänge, wo subtilst abgestimmte Kontinuität auch das durchbrochenste Satzbild bestimmt. Jeder Moment kann sein Eigenleben entfalten, soweit es nur irgend innerhalb des Zusammenhangs zu rechtfertigen ist. Hier durchdringt alles jedes, ein ideales soziales Gefüge des motivisch Gestalthaften mithin innerhalb des bindenden Stroms harmonischen Bezugs. Nichts bleibt blendende Einzelerscheinung, und doch kommt allem sein Recht auf "freie" Entfaltung zu. Entsprechendes gilt für alle Sätze dieser Sinfonien. Grandios ist, wie man bei besserer Kenntnis der Werke in Celibidaches Darstellung immer eindeutig spüren kann, wo man sich gerade innerhalb des Formprozesses befindet. Alles hat untergründig Richtung, geradezu körperhaft überträgt sich der jeweilige Grundzug der Auseinandersetzung – das Auseinandertreiben der thematischen Welten in der Exposition (welcher Sinn für überraschenden Kontrast!), der wellenförmig artikulierte Drang nach vorn mit Beginn der Exposition bis hin zum stets unzweifelhaft, aber nie theatralisch realisierten Höhepunkt, das untrüglich disponierte Konvergieren in der Reprise und die Erfüllung im Schluß, sei er nun suggestiv geführter Abgesang oder lebenssprühende Apotheose.

Celibidaches Brahms ist gesungen vom ersten bis zum letzten Takt. Keiner sonst hat so bewußt an nobler, natürlich atmender Phrasierung (man höre das Hauptthema aus dem Finale der Ersten Symphonie), an schlüssiger Artikulation der modulatorischen Bögen gearbeitet. Die rhythmischen Finessen sind nicht nur gestochen scharf herausgearbeitet (mit den Abstrichen kleinerer Live-Pannen), immer – dies nicht zuletzt infolge einer ebenso virtuos-flexiblen wie keineswegs "äußerlichen" Gestik! – ist der Rhythmus federnd, biegsam im Dienste der Melodie. Die oft sehr ausladenden Rubati sind sowohl aus instrumentatorischen (also unterschiedlichem Klangreichtum verschiedener Kombinationen) als auch aus formbildenden Gründen motiviert, mitnichten aber aus blinder Detailliebe. Besonders hervorzuheben ist Celibidaches Modellierung des vertikalen Zusammenklangs. Brahms’ Instrumentation hat ihre Tücken, kann durchaus bei pauschelerer Ausführung die strukturelle Fortschreitung verdunkeln und manchmal spröde wirken. Celibidache erbringt den Gegenbeweis. Er hält immer am typischen, aus tiefer Ruhe heraus ergiebigen, warm resonierenden Brahms-Klang fest und verfällt nicht in impressionistische oder expressionistische Effekte. Aber dem Klang wird stets die "bestmögliche", leuchtendste Seite als Träger seiner strukturellen Funktion abgewonnen. Im Finale der Vierten bringt das Stuttgarter Orchester ein wahrhaft unerhörtes Wunder kompositorischer Folgerichtigkeit zum klingen, das Passacaglia-Thema triumphiert durch alle Verwandlungen hindurch. Das alles sind keine interpretatorischen Spezialfälle, sondern – in Ermangelung ideologischer Fixiertheit – eher Idealfälle. Wobei auch das Ideale immer innerhalb des Möglichen geschieht (man höre den packenden Probenauszug). Das Stuttgarter Orchester hat seine Limits hinsichtlich der Fähigkeiten der Einzelnen (auch aufnahmetechnisch ist mehr Transparenz und räumliche Präsenz möglich). Vieles mag in München noch idealer geklungen haben, wiewohl auch die Münchner Philharmoniker schon in der eigenen Stadt dem BR-Sinfonieorchester nur unter Celibidache das Wasser reichen konnten. Aber wozu lange bejammern, daß Celibidache kaum mit den absoluten Spitzenorchestern gearbeitet hat? Gegen das, was hier zu hören ist, wird sich fast alles andere zwangsläufig sehr arm ausnehmen.
(Sinfonien Nr. 1 c-moll op. 68, Nr. 2 D-Dur op. 73,
Nr. 3 F-Dur op. 90, Nr. 4 e-moll op. 98 und
Bonus-CD mit Probenausschnitt zur 4. Sinfonie
DG 459635-2 (4CD/194'/1976, 1975, 1976, 1974)

Christoph Schlüren

Interpretation: höchste Bewertung

Vergleichsaufnahmen

Furtwängler (EMI), Celibidache/Rai Milano (Fonit Cetra), Barbirolli (EMI), Walter (Sony), Toscanini/NBC (Music&Arts), Bernstein/NYP (Sony), Harnoncourt (Teldec), Mackerras (Telarc)

(Rezension für Klassik Heute)