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Zusammenhang

Perahias symphonischer Händel

Murray Perahias jüngste Händel-Aufnahmen sind fast allem anderen, was in letzter Zeit veröffentlicht wurde, in der korrelativen Dimension des Musizierens – also dem, was die Gestaltung der Form als organisch erlebte Gesamtheit ausmacht – so turmhoch überlegen, daß die Beschreibung des stilistischen Ansatzes – dessen, was normalerweise am meisten diskutiert wird – zur Nebensache geraten muß. Daß Perahia kein Cembalo, sondern einen modernen Konzertflügel spielt, ist nicht selbstherrlicher Verstoß gegen historical correctness, sondern die einzig mögliche Voraussetzung, diese Suiten mit aller ihnen innewohnenden Lebendigkeit, unter Entfesselung ihrer linearen Energie zu entfalten. Perahia phrasiert in schwereloser Vollendung, artikuliert den zugrundegelegten harmonischen Plan unwiderstehlich, verfällt in keinem Moment in vom Wesentlichen distanzierende interpretatorische Extreme. Und mag die variierende Figuration noch so

virtuos sprudeln, sie wird von der thematischen Trägerkraft gebündelt und selbst in äußerster Bewegtheit zu relativer Ruhe zentriert. Was für Spannungsbögen aus Disziplin und Überschwang! Daß Perahia zuvor ausgiebig die Möglichkeiten des Cembalos ausgelotet, das Soll historischer Bewußtheit mithin randvoll erfüllt hat, verleiht seiner Aufführung durch alle Freiheit gratwandlerische Sicherheit. Überquellende Spielfreude und höchste Vergeistigung sind vereint. Es stimmt alles (auch aufnahmetechnisch). Händels stolzer, hymnischer Geist triumphiert über die Zeiten hinweg.

Christoph Schlüren

(Rezension für Frankfurter Rundschau)