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Seelische Abgründe

Juha Kangas dirigiert Nordgrens 2. Und 4. Symphonie

Die Welt des heute wichtigsten finnischen Komponisten Pehr Henrik Nordgren (geb. 1944) ist eine zerrissene, von den Dämonen des Chaos bedrohte. Sie ist in ihren zentrifugalen Gewalten von einer solch vehementen Aktualität, als halte der Komponist seinen Hörern einen Spiegel seelischer Abgründe vor. Für das große Orchester schreibt Nordgren sehr raffiniert und mit unendlich schillernder Farbpalette in den magisch leisen Abschnitten. Die Ausbrüche sind dagegen mit den Jahren immer noch rauher, roher, unbehauener im Duktus geworden, geradezu ein instrumentales Schlachtfeld evozierend. Nordgren rührt hier intuitiv an vorzivilatorische Wurzeln, die in unserer erfolgreich durchkommerzialisierten Welt längst ausgemerzt schienen. In diesem Sinne ist die Authentizität seiner expressiven Kunst zu verstehen. Wer das schroff Echte an Schostakowitsch schätzt, könnte auch für Nordgren ein Faible entwickeln. Die Zweite Symphonie entstand 1989 aus einem Grundmaterial permutierender Tongruppen, die zusehends an gestalthafter Stringenz gewinnen und in einer düster feierlichen Coda gebündelt werden. Die strukturellen Prinzipien sind durchweg nur unterschwellig wirksam, die Form ist sehr frei, voll abenteuerlicher Klangexploration und unabsehbar in der Dimension.

Die gleichfalls einsätzige Vierte Symphonie von 1997 ist, ausgehend von einem grenzgängerischen "Boris Godunov"-Zitat, eine imaginäre Fortschreibung der "Katerina Ismailova"-Geschichte mit finaler Exekution, Klage und Entrückung, dabei aber keine Programmusik. Vielmehr ist es hier der Widerstreit der Archetypen – Chaos versus Geborgenheit, Atonalität versus Tonalität –, der im Aufeinandertreffen wuchernder Chromatik und archaisch schlichten Melodieguts die Klangwelten erbeben läßt. Juha Kangas, Gründer und Leiter des phänomenalen Ostrobothnian Chamber Orchestra, erweist sich in seinen ersten Aufnahmen mit großem Orchester als Dirigent allerersten Ranges, der über die vorbildliche Verwirklichung des Strukturellen hinaus höchste Intensität der Aussage erreicht.
Pehr Henrik Nordgren: Symphonien Nr. 2 op. 74 und Nr. 4 op. 98; Symphonieorchester des Finnischen Rundfunks, Juha Kangas; Finlandia CD 3984-29720-2 (Vertrieb: Warner Classics)

Christoph Schlüren
Interpretation: höchste Bewertung
(Rezension für Neue MusikZeitung)