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Widerstreit der Archetypen

Pehr Henrik Nordgrens Vierte Symphonie uraufgeführt

Seit dem triumphalen Erfolg seiner Dritten Symphonie vergangenen November in München (mit den Münchner Philharmonikern unter Juha Kangas) wird Finnlands großer Symphoniker Pehr Henrik Nordgren mit Ehrungen, Preisen und Offerten überhäuft. Bislang in Helsinki als fern der Hauptstadt lebender Außenseiter ignoriert, hat ihn die heimische Kritik nun zum Helden auserkoren. Nordgren, der einer der Hauptkomponisten des diesjährigen Wien Modern-Festivals sein wird, erhielt vom Symphonieorchester des Finnischen Rundfunks den Auftrag zu einem großen Orchesterwerk, das wohl seine Fünfte Symphonie werden dürfte. Für Ida Haendel schreibt er im Auftrag des City of Birmingham Symphony Orchestra unter Sakari Oramo die Konzertfassung der Dritten Violinsonate von George Enescu – Niederschlag inniger Wahlverwandtschaft im eigentümlichen Widerspiel von Monodie und polyphoner Verästelung, von archaischem Volkston und verschlungenem Chroma. Nordgren versucht, den Traum vieler Geiger wahrzumachen: das Violinkonzert des reifen Enescu, jenes unvergleichlichen Musikers, der für Pablo Casals das "größte musikalische Universalgenie seit Mozart" war, für Yehudi Menuhin schichtweg "das absolute Maß", und der trotzdem vergessen wurde, mangels Lobby.
Nun gab das Philharmonische Orchester Turku unter Juha Kangas, dem Gründer und Leiter des Ostbottnischen Kammerorchesters, die Uraufführung der 1997 komponierten Vierten Symphonie op. 98 von Pehr Henrik Nordgren. Aus Turku waren bereits die Aufträge für die drei vorangehenden Symphonien Nordgrens gekommen. Umschließt die 1993 entstandene Dritte auf halbstündigem Raum sechs zerreißend kontrastierende Abteilungen, so ist die Vierte ein einziges, 25minütiges Adagio. Die einander entgegengesetzten Hauptelemente des Werks bilden einerseits archaische Motive im Mollton, die uralten Melodien aus dem südkarelischen Ingermanland entstammen, andererseits die chromatisch wuchernde Neuntonreihe, die aus dem massiven ersten Tuttiakkord entspringt. So bestimmt der Widerstreit zwischen den Archetypen des Naturhaften, Bewahrenden, Verbindlichen, Schönen, und jenen des Destruktiven, Taumelnden, Haltlosen die gesamte Entwicklung. Die volkstümlichen Motive sind dabei von Anfang an völliger Entwurzelung anheimgegeben, Requisiten einer heileren Welt im reißenden Strom unheilgeschwängerter Triebkräfte gleich, von dem der Hörer von Beginn an fortgerissen wird.

Ausgangspunkt der Symphonie ist das primitivistische "Es war ein Mann"-Motiv des betrunkenen Warlaam aus Mussorgskijs Boris Godunow, das dieser im Hintergrund lallt, während der falsche Dimitrij sich nach dem Weg in die Freiheit erkundigt – Essenzgut einer Szene, in der sich, so der Schostakowitsch-Exeget Nordgren, "die ganze Tragik des russischen Volkes spiegelt". Zweifellos ist das Verhältnis von Einzelnem und Masse, die finale Bündelung individueller Schicksale im kollektiven Fatum ein Nordgrensches Zentralthema, das sich bei ihm kompositorisch konkret niederschlägt wie bei keinem anderen Tonschöpfer. Immer wieder zerfließen die eben noch so faßlichen Konturen in einer bedrohlichen Vielstimmigkeit, einer Art "Heteropolyphonie", die die Grenzbereiche des zusammenhängend Erfaßbaren restlos ausschöpft und, immer in unmittelbarer Gefahr, vom Chaos verschlungen zu werden, den Zersetzungstendenzen der eigenmächtigen Einzelstimmen nur noch mit dem nackten Selbsterhaltungstrieb, mit dem "Schwert des letzten Willens" begegnen kann – insofern ist Nordgrens Symphonik, von ihrer Grundveranlagung und aufs Extremste, existentiell. Die ersten zehn Minuten der Vierten Symphonie sind ein einziges, verzweifeltes Ringen zwischen den im ursprünglichen Wortsinn religiösen und den obsessiv zerstörerischen Kräften, scheinbar ausweglos. Da weichen die Zerrbilder ängstlicher Klage, innigem Choral. Doch umso unerbittlicher setzt sich in mehreren Anläufen die harsche Gegenwelt durch, bis hin zur finalen "Exekution", der eine verzweifelt hochtreibende Englischhornklage folgt, die zugleich als struktureller Unifikator wirkt. Die introvertierte Schönheit des Endes ist eine entrückte.
Mit zu schwach besetzten Streichern waren die Philharmoniker aus Turku unter Kangas’ identifikatorischer, hochintensiver Leitung hingebungsvolle Künder einer hochaktuellen Tonwelt, deren Siegeszug soeben erst begonnen hat. Im Januar ’99 werden die Bamberger Symphoniker Nordgrens Vierte Symphonie in fünf Konzerten unter Juha Kangas spielen.

Christoph Schlüren
(Rezension für Frankfurter Rundschau, März 1998)