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Celibidache-Pendant

Johannes Brahms: Sämtliche Duo-Sonaten, Trios, Quartette,
Quintette und Sextette, 1. Serenade für großes Orchester op. 11
I Cameristi della Scuola di Rony Rogoff

Das Massensterben der italienischen Symphonieorchester hat kreative Kräfte freigesetzt und unkonventionell operierenden Kollektiven zusätzlichen Aufwind verschafft. 1995 gründete der Celibidache-Intimus Rony Rogoff (er spielte mit dem rumänischen Maestro u. a. Violinkonzerte von Mozart und Berg) in Arcugnano bei Vicenza seine Scuola, die zunächst in den Hallen einer ehemaligen Axtfabrik probte und in kürzester Zeit zu einem beispiellosen Höhenflug startete. Die Früchte der Arbeit sind in dem 14 (ausschließlich live mitgeschnittene) CDs umfassenden Brahms-Mammutprojekt aufs Fesselndste verewigt. Sie wirken wie das kammermusikalische Pendant zu Celibidaches symphonischem Brahms, der nun ja auch aus der Münchner Spätzeit erhältlich ist – am unmittelbarsten erfahrbar in der großen Serenade, die Rogoff selbst dirigiert. Natürlich dokumentieren diese unmanipulierten Aufzeichnungen manche kleine Schwächen (Intonation), doch die sind relativ gering und spielen bei der durchweg höchste Ansprüche verwirklichenden Darstellung keine Rolle. Die Formung des detailliert Mannigfaltigen geschieht stets aus dem klaren Bewußtsein um die Funktion in der Gesamtform. Das Charakteristische jedes einzelnen Satzes, der Spannungsverlauf sind die prioritären Kriterien. Die modulatorischen Pfade werden sinnfällig zu bezwingender Eindeutigkeit gerichtet, das kontrapunktische Geflecht ist von logischer Transparenz bei sonorem, noblem Klang (1. Quintett!) und auch in sehr breiten Tempi nicht stockender rhythmischer Vitalität.

Gerade die größer besetzten reinen Streicherwerke habe ich noch nicht in solch organisch gefaßter, zusammenhängend musizierter Weise gehört. Aber auch die Streichquartette sind (allein schon bezüglich der idealen Balance) vorbildlich erarbeitet. Möchte man unter den vorzüglichen Musikern einen hervorheben, so zumindest den Klarinettisten Giorgio Levorato, dessen Spiel kaum von dieser Welt ist. Nicht so ideal ist die Aufnahmetechnik, eher schwammig und undeutlich (vor allem das Klavier), was bei weniger ausbalancierten Ensembles desaströse Folgen hätte – nicht aber hier: für alle Freunde großer Kammermusik ein Muß, trotz empörender Fehler der Bookletredaktion (mehrfach falsche Werke bzw. falsche Reihenfolge)!

Christoph Schlüren

(Rezension für Neue MusikZeitung)

Mondo Musica
MFCN 10064, 10074, 10084, 10094 und 10114