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Mißbrauch oder Absicht?

Musik, die’s mit der Politik hat

9. Juli 1932: Der Tag war durchzuckt von Blitzen, es regnete in Strömen und in den Bergen um Berchtesgaden grollte dumpf der Donner der Gewitter. Das Konzert war für den Abend im Kursaal festgesetzt, aber der Führer, dessen Wagen durch die zahlreichen Regengüsse auf den Straßen nach Berchtesgaden aufgehalten wurde, konnte nicht mehr rechtzeitig zum Konzert eintreffen. Der Führer gab den Befehl, das Konzert am nächsten Abend zu wiederholen. An diesem Abend kam der Führer wirklich. Die Vierte Symphonie Anton Bruckners wurde gespielt, der Führer, glücklich, daß das Konzert einen so tiefen Eindruck auf alle Hörer gemacht hatte, überreichte Franz Adam spontan den Rosenstrauß, den er selbst am Eingang vorher als Willkommensgruß erhalten hatte, zum Zeichen seines Dankes. Wenige Tage später wurde im Auftrag des Führers an alle Ortsgruppen ein Rundbefehl herausgegeben, der folgenden Wortlaut hatte: "Der Führer hat in Berchtesgaden einem Konzertabend des Nationalsozialistischen Symphonieorchesters beigewohnt. Aufgrund der außergewöhnlich guten Leistungen des Orchesters und der Wirkung, die er bei Zuhörern, die nicht zur Bewegung gehören, feststellen konnte, hat er Weisung gegeben, daß das Orchester im gesamten Reichsgebiet für die kulturpolitische Werbung eingesetzt wird. Er ist der Überzeugung, daß ein derartiges Konzert größere Anziehungskraft ausübt und stärkeren Eindruck hinterläßt, als eine rein politische Versammlung, mit denen die Bevölkerung ohnehin allmählich übersättigt ist. Der Führer erwartet, daß die politische Leitung, SA. und SS, sich in geeigneter Weise (Propaganda von Mund zu Mund, Vorvertrieb der Karten) und mit allen Kräften für die Konzerte einsetzen, damit diese hinsichtlich des Besuches zu einem vollen Erfolg sich gestalten."
Wie man diese politische Musik veranstaltet, ist nachzulesen in der Festschrift "10 Jahre Nationalsozialistisches Symphonieorchester 1931-1941". Auch wenn die Botschaft der Musik, falls überhaupt von konkreten Inhalten irgendeine Rede sein kann, in keiner Weise eine politische ist. Es genügt, daß die Musik im angestrebten Rahmen suggestiv, in ihren Einzelheiten verständlich und dem völkischen Kollektiv gemütsmäßig vertraut wirkt. Nichts kam da den findigen Nazi-Kulturpropagandisten gelegener als Richard Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg", deren deutsches Ideal sich in großdeutschen Wahn, deren Spektrum aus Spott und Gerechtigkeitssinn sich in rassistische Demagogie ummünzen ließ.
Vielen Zeitgenossen wurde diese Paradeoper der Nationalsozialisten, vor allem das eigentlich fast jedem beliebigen festlichen Anlaß angemessene Vorspiel zum ersten Akt, ein lebenslänglicher Greuel. Dabei hat die Musik mit Gegenstand und Urhebern ihres Mißbrauchs ebensowenig zu tun wie etwa Beethovens "Freude schöner Götterfunken" mit Stalins angeblicher Liebe dazu.

Igor Strawinsky erkannte, daß Musik nichts ausrichten kann in der Welt. Aber man kann ein und dieselbe Musik für die unterschiedlichsten, ja gegensätzlichsten Zwecke gefügig und dienstbar machen. Man muß sie nur geschickt und passend zu gebrauchen wissen: für Ideologien, Programme, Mobilisierung, Aggression, Triumph und Herrschaft. Gefragt ist die hochvirtuose Pervertierung der Gefühlspotentiale der Musik und deren willfährige Exekution.
Ludwig van Beethovens tosendes Tongemälde "Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria" op. 91 bezieht sich auf den Sieg der Truppen Wellingtons 1813 über Napoleon. Es ist kaum politische Musik, vielmehr plakatives Schlachtengetümmel mit dem Aufeinanderprallen der Märsche "Rûle Britania" (die Engländer, in Es) und "Marlborough" (die Franzosen, in C, nach der Niederlage in Moll) sowie "God save the Queen" in der beschließenden "Sieges-Symphonie". Das Gelegenheitswerk entstand auf Anregung des Metronom-Erfinders Mälzel zunächst für dessen mechanisches Panharmonikon und hatte in der Orchesterfassung grandiosen Erfolg.
Durch und durch ein Bekenntniswerk und als solches politisch motiviert ist dagegen Hanns Eislers mehr als einstündige "Deutsche Sinfonie" in elf Sätzen. Sie ist eigentlich – ähnlich Hans Werner Henzes Neunter Sinfonie – eine Kantate über die deutsche Tragödie und Misere des 20. Jahrhunderts, die überwiegend in den 30er Jahren komponiert, jedoch erst 1957 vollendet wurde, als Eisler längst wider Willen vom Klassenkämpfer zum DDR-Vorzeigekomponisten umgemustert worden war. Mit seiner dem Wohlklang zugeneigten Zwölftontechnik wollte er "Trauer ohne Sentimentalität und Kampf ohne Militärmusik darstellen". Mithin: kritische Distanz schaffen zwischen Hörer und Gehörtem, indem das Verhältnis zwischen Text und Musik ein Gebrochenes, Indirektes ist. Eisler verlangt den politisch engagierten, kritischen Gegenüber, der sich nicht überwältigen und hinwegtragen lassen will von Klangeindrücken, sondern stets denkend mitvollzieht. Seine Musik ist absichtlich und nachdrücklich politisch und damit vor Mißbrauch weitgehend geschützt, womit sie sich freilich als völlig unnütz für die Zwecke der Politiker erwiesen hat. Denn sie will nicht geliebt werden und ihre Propaganda ist eine ehrliche.

Christoph Schlüren

(Original-Manuskript, verändert erschienen im Hamburger Abendblatt)